Blitz und Hammer

– Der schlanke, rotmetallic glänzende, geriffelte Body umschließt wohlgeformt alle Technik, das markante Vorderrad in der Achsschenkellenkung scheint die Straße zu ertasten. Zwei Scheinwerferäuglein zwinkern über dem aufgerissenen Rachen, und oben strecken sich die Lenker wie Insektenfühler dem Cruiser entgegen. Es gibt keinen Instrumententräger, kein Windschild, keinen Sozius, keinen Gepäckträger. Aber nichts davon fehlt. Der Elektro-Cruiser J1 von Johammer ist die radikale Neukonstruktion des motorisierten Zweirads. Ich durfte ihn probefahren! (Anm.: Der Blogpost erschien erstmalig am 26.7.2016 auf Smarkeding.)

Los geht's mit dem Johammer J1!

Ich starte den Johammer J1, und muss meine Sinne neu kalibrieren. Alles bleibt ruhig. Kein Motorgeräusch, kein Dröhnen, kein Bollern. Kühl fühlt sich der geriffelte Körper an, nichts vibriert, nichts wackelt. Ich sehe nach vorne und freue mich über die freie Sicht auf die Straße: sinnigerweise sind die Infos zu Geschwindigkeit und Akkustand in den Rückspiegeln eingeblendet. Das ist radikale Reduktion – oder besser: radikale Neukonstruktion eines Gefährts, das nur einen Sinn hat: entspannt und ruhig durch die Landschaft zu cruisen, und dafür elektrische Energie zu nutzen.

Der Gasgriff – oder besser: der Powergriff - ist rechts, wie bei normalen Motorrädern auch, aber hier steuere ich viel mehr: die Richtung meiner Fortbewegung (vorwärts/rückwärts), die Geschwindigkeit und die Beschleunigung. Sogar leicht abbremsen lässt sich über eine Drehung nach vorne – dann wird der Akku rekuperiert. Ich brauche keine Kupplung und keinen Gangwechsel, daher gibt es auch kein Abwürgen und kein Verschalten – simpel und idiotensicher.

Dann kann ich ja mal losfahren: leicht am rechten Handgriff drehen, Balance halten – und schon bewege ich mich über den Parkplatz. Das enge Reversieren ist eine Herausforderung, und Johann Hammerschmid weiß das: "Du musst auf die Straße, da geht's viel leichter!"

Raffinierte Details wie die Displays in den Rückspiegeln machen Sinn und dienen dem Genuss der Fortbewegung.

Johammer: Design trifft Erfindergeist

Ja, stimmt! Ich biege vom Parkplatz ab auf die Bundesstraße Richtung Freistadt, und plötzlich macht der J1 nur noch Sinn! Ich sitze kommod, die Füße ruhen auf den Fußrasten, und so gleite ich gemächlich durch die Landschaft. Herrlich! Ohne Mühe beschleunigt der Cruiser auf 80, 90 km/h, ich schwimme im Mühlviertler Verkehr locker mit und könnte auch noch schneller fahren – aber wozu? Der Fahrtwind hat mich gut im Griff, die Umgebung zeigt sich von der schönsten Seite, Kurven und Kuppen wechseln einander freudvoll ab. Unvorstellbar, damit über die Straßen zu heizen oder gar gefährliche Überholmanöver zu starten!

Vielmehr verliert die Zeit schlagartig an Bedeutung, du willst plötzlich nur mehr durch die Gegend gleiten, allein, ohne Stress, und gefühlvoll am Powergriff drehen – daschauher, noch 200 Kilometer Reichweite! Nicht nur der Weg ist das Ziel, sondern die Bewegung, das Cruisen, das Genießen.

Ich spüre, dass der Johann Hammerschmid mit Erfindergeist, Beharrlichkeit, Ausdauer und seiner Erfahrung als Maschinenbauer genau das Gerät konstruiert hat, das er selbst am liebsten durch das Land bewegt. Sein 1996 gegründetes Maschinenbau-Unternehmen hat er 2015 übergeben, mittlerweile firmiert es unter dem Namen Nordfels in Bad Leonfelden. Beim "Tag der offenen Tür" am 22. Juli hatte ich Gelegenheit, ihn und seine bunte Schar genauer kennenzulernen.

Mit dem Elektro-Cruiser J1 erfüllte sich Johann Hammerschmid einen Traum.

Das erste Mal traf ich Johann Hammerschmid beim Markentag des Brand Club Austria in der Tabakfabrik Linz. In seinem Vortrag beschrieb er seine Vision eines radikal neuen und dabei umweltfreundlichen Zweirades, mit folgenden Eckpunkten: Mobilität, Nachhaltigkeit, Elektrizität, leichte Werkstoffe, ausgefeilte Produktionstechnik und – Design!

Elektrocruiser, der polarisiert

Schaut man sich den J1 genauer an, dann wurde das alles konsequent umgesetzt. Der Elektrocruiser ist wartungsfrei, recyclingfähig und sparsam. Und das Design ist der Hammer!

Der Johammer J1 polarisiert. Ohne Zweifel. Entweder finden die futuristische Form, die zukunftsweisenden Details und der hedonistische Zugang unbedingte Anhängerschaft oder eindeutige Ablehnung. Dazwischen gibt es nichts!

Jean-Marie Lawniczak hat es genau so gewollt. Wie schon den Designern der legendären Citroën DS, der "Göttin", ging es auch ihm bei der Gestaltung des Elektro-Cruisers darum, den Abstand zum Mitbewerb ausreichend groß zu definieren. Der J1 sieht nicht aus wie ein Motorrad, nicht wie ein E-Bike, und schon gar nicht wie ein Roller – nein, so etwas hat man noch nicht gesehen!

Dass sein Auftraggeber selbst visionär und beharrlich genug war, sich nicht mit Evolutionärem zu begnügen, machte den Gestaltungsprozess nicht unbeding leichter, aber richtiger. Ein leeres Blatt Papier, anfangen bei null – beängstigend und befreiend zugleich. Das Ziel war, eine aggressive Form zu finden, welche die Technologie transportiert – im doppelten Wortsinn!

Die Verkürzung des Namens von Johann Hammerschmid zu "Johammer", vor allem in Verbindung mit dem prägnanten Logo, ergibt einen schlüssigen Markenauftritt: polarisierend, aggressiv, innovativ, zukunftsweisend. Rund um das elektrisierende Zweirad hat sich bereits eine umtriebige Community entwickelt, die auf gemeinsame Reisen geht, sich für andere Zukunftstechnologien interessiert oder der Elektromobilität neuen Schwung gibt. Bemerkenswert ist auch die ungewöhnliche Allianz mit Trachtenrebell Gössl. Dabei bleibt das Unternehmen im Mühlviertel verwurzelt, und ist in seinen anderen Bereichen ebenfalls mit Innovationskraft und ausgereifter Technologie auf der Überholspur.


Fotos: Gregor Hartl / Johammer (1), Franz Hölzl (6)

Veröffentlicht in Blog.