Auf'n Glockner fahr'n

Die Oberschenkel brennen, und der Schweiß tropft mir von der Stirn, trotz des kühlen Wetters. Da oben ist mein Ziel schon zu sehen, das Fuschertörl auf 2445 Meter, beeindruckende Markierung in dieser wunderbaren Bergwelt. Bald ist es geschafft…

Die Großglockner Hochalpenstraße gehört zu Österreich wie die Lippizaner oder die Mozartkugeln. Sie führt seit 1935 über einen der schönsten Alpenpässe, und in jedem Reiseführer sowie im Tourbuch der Österreich-Radrundfahrt ist die Strecke ein Fixpunkt. Eine sehr persönliche Annäherung an die höchstgelegene österreichische Marke. (Anm.: Der Blogpost erschien erstmalig am 29.6.2016 auf Smarkeding.)

Davon geredet haben wir schon lange. Meine Brüder und ich, auch der Schwager, nehmen uns bereits seit ein paar Jahren vor, mit dem Fahrrad "über den Glockner" zu fahren. Der richtige Termin ist schnell gefunden: schon in der warmen, trockenen Jahreszeit soll es sein, aber noch vor den Schulferien: also Ende Juni. Fast alle nehmen sich Zeit, die Gruppe besteht schlussendlich aus sechs Männern (plus einem Jungspund). Einzig der Wetterbericht sorgt für Stirnrunzeln, denn nach den paar heißen Tagen soll es markant abkühlen und erneut ordentlich regnen. Also wird der Rucksack entsprechend wetterfest gepackt, denn verschieben oder aufgeben ist nicht drin!

Die Anreise

Wir sind uns einig, dass zur Glocknerbezwingung auch die Anreise per Fahrrad gehört. Das bedeutet für uns, die Saalach von Bad Reichenhall aufwärts zu fahren, und nach Zell am See Richtung Bruck abzubiegen. Eine wunderschöne, gemütliche Anfahrt über 85 Kilometer, auch das Wetter spielt ganz fein mit, und wir erreichen das Quartier in Fusch rechtzeitig zum ersten Fußball-Achtelfinalspiel des Tages.

Nach der schwülen Hitze entlädt sich erst am Abend der Himmel in heftigen Gewittern. Wir üben uns in Zweckoptimismus, denn einen Rückzieher wegen Schlechtwetters machen wir jetzt sicher nicht: der Regen am nächsten Tag werde schon nicht so schlimm werden, schließlich sei unsere Ausrüstung ja auch entsprechend gut, und überhaupt: schaumamoi!

Abfahrt am wunderschönen Samstag morgen in Großgmain.

Historie eines Kulturerbes in den Alpen

Beeindruckend ist sowohl die Geschichte von der Erbauung als auch die bisherige Entwicklung allemal: Nach fünfjähriger Bauzeit wurde die Großglockner-Hochalpenstraße 1935 eröffnet. Bis zu 3200 Männer waren mit der Trassierung und dem Bau der Strecke beschäftigt. Gekostet hatte das Vorhaben damals 910 Mio. ÖS, womit die Großglockner Hochalpenstraßen AG (GROHAG) sogar um sieben Millionen Schilling unter dem Kostenvoranschlag blieben. Die erste Überfahrt fand bereits 1934 statt (in einem "Steyr Hunderter" mit 32 PS!), und gleich nach der Eröffnung veranstaltete man das erste internationale Großglockner Automobil- und Motorradrennen. Seither konnten etwa 70 Millionen Besucher über die Großglockner Hochalpenstraße fahren und die fantastische Landschaft des Nationalpark Hohe Tauern bewundern. Jedes Jahr kommen knapp eine Million Gäste hinzu.

Die Auffahrt

Der nächste Tag beginnt überraschend gut, denn obwohl es in der Nacht geregnet hat, ist es bei bewölktem Himmel trocken und angenehm kühl. Also wird zum Frühstück noch reichlich Energie getankt, bevor wir uns knapp vor halb neun Uhr Richtung Mautstelle Ferleiten auf die Sattel schwingen.

Die Strecke Fusch-Ferleiten ist schon eine Einstimmung auf die Anforderungen, welche ab der Mautstelle an unsere Kondition und Ausdauer gestellt werden. Kurz nach neun wird es dann ernst: mit einem "Push the button" am Fahrrad-Gate rollen wir durch die Mautstelle und begeben uns zügig bergwärts. Die Gespräche verebben, Ketten knirschen über Zahnräder, das Feld zieht sich auseinander, und die Blicke werden konzentrierter. Glücklicherweise ist die Straße breit und die motorisierten Biker sitzen noch beim Frühstück – so sind wir schneller als gedacht bei Kehre 1 angekommen. Jede der 14 Kehren bis zum Fuschertörl sorgt für eine kurze Erholung und informiert über die Höhenlage und Reststrecke. Noch 9,7 Kilometer!

Wenn die nicht wären / die vielen Kehren

wie dann erholen / am Weg nach oben

In Fusch a.d. Glocknerstraße startet der Anstieg in die Wolken.

Weltkulturerbe 2018

Trassenführung und Streckenbau zeugen von ausgereifter Ingenieurskunst und ökonomischer Fertigungsweise, von einem sorgfältigen Umgang mit der Natur und Bergwelt. Keine Kurve zuviel, keine Kehre zu wenig, dabei genug Platz für Fahrzeuge aller Art, für Rastplätze, für Bergpanoramen und einfach zum Luftholen. Ein Beispiel gefällig? Beim Fuschertörl hat der Erbauer der Straße bewusst die Bergspitze umfahren, um so den Besuchern einen perfekten Rundblick in die unvergleichliche Hochgebirgslandschaft zu ermöglichen.

Bei der UNESCO ist das seit 2015 denkmalgeschützte Straßenbauwerk für die Listung als Weltkulturerbe bereits beantragt. Geht das Verfahren positiv aus, "steht einer Eintragung im Sommer 2018 nichts mehr im Wege“, so VD Johannes Hörl von der GROHAG. Die Hochalpenstraße wäre damit die erste Straße mit dem Prädikat "Weltkulturerbe".

Die Bergankunft

Es sind noch nicht viele Radfahrer unterwegs, was mich verwundert. Schließlich hält das Wetter immer noch aus, lediglich die Wolken und stellenweise Nebel trüben die Sicht. Einmal überholen wir ein gelbes Tandem mit Anhänger, bergwärts bewegt von einem älteren Ehepaar aus Belgien. Nun werden auch Autos und Motorräder mehr, und als Radfahrer spüre ich leichten Stolz auf die eigene Leistung in mir hochsteigen. Schnaufend und schwitzend erklimme ich Meter um Meter, komme gut durch die Hexenküche und tauche bald aus dem Nebel. Vorbei am Haslauer-Haus öffnet sich der Blick auf die letzten Kurven, und ich kitzle noch die verbliebenen Reserven aus meinen Oberschenkeln.

Gemeinsam mit meinen jüngsten Brüdern Johannes und Leonhard gelange ich am Fuschertörl an, wo die anderen – Bernhard und Fabian – uns schon erwarten. Ein großer Moment, voller Glück und Freude!

Es scheint, als hätte Petrus seine schützende Hand über unser Vorhaben gehalten, bis alle oben angelangt sind. Und jetzt zieht er sie plötzlich weg – kaum ist das Zielankunftsfoto gemacht, beginnt es vernehmlich zu tröpfeln.

Alle sind wir wohlbehalten am Fuschertörl angekommen.

Die Abfahrt

Wir ändern übereinstimmend unseren Plan, bis Heiligenblut zu radeln. Stattdessen packen wir in Windeseile unsere Regensachen aus und bereiten uns auf die Abfahrt vor. Dabei hätten wir so gerne noch das obligate Zielankunfts-Bier genossen! Im einsetzenden Regen machen wir uns auf den Rückweg nach Fusch. Jede Kehre wird vorsichtig angefahren, mit Respekt ob des rutschigen Belages und teilweise gebremst durch starken Nebel. Die lange Abfahrt ist ein Genuss, auch wenn sich die feinen Regentropfen im Gesicht wie Nadelstiche anfühlen. Huldvoll grüße ich entgegenkommende Radfahrer, die sich noch mühsam nach oben quälen. Das gelbe Tandem aus Belgien ist auch dabei. Sie werden es ebenso schaffen, denn es wird im Laufe des Tages wieder zu regnen aufhören. Vollgepumpt mit Adrenalin erreichen wir um halb eins schon wieder den Ausgangspunkt unserer Tour, und belohnen uns beim Römerwirt mit einer ausgiebigen Mahlzeit.

Der Blick vom Fuschertörl mit Vorfreude auf die Abfahrt.

Touristische Bedeutung

Noch in den 1930er Jahren stellte sich bald heraus, dass die ohnehin unbescheiden geschätzten Besucherzahlen von 120.000 pro Jahr bei weitem zu tief gegriffen waren. Mittlerweile passieren mehr als 900.000 Besucher aus der ganzen Welt den Alpenpass, dementsprechend wichtig ist die touristische Infrastruktur rund um das Ausflugsziel für die Region. Die Großglockner Hochalpenstraße "zählt zu den Top-3-Tourismusangeboten der Republik Österreich", so der Fuscher Bürgermeister Hannes Schernthaner. Er betont die historische Bedeutung als wichtigen Auftrag- und Arbeitgeber in den Regionen der Hohen Tauern.

Anlässlich der EXPO 2015 in Mailand entstand ein Imagefilm. Die GROHAG setzte dabei auf bewährte Begleitung des monumentalen Bauwerks durch die Wiener Philharmoniker.

Eine alljährliche Herausforderung ist die Schneeräumung der Glocknerstraße. Es ist nicht ungewöhnlich, dass 12 Meter hohe Schneemassen von der Straße entfernt werden müssen. Bis zu 800.000 Kubikmeter Schnee sind das, und die Arbeit erledigen mittlerweile fünf Rotationspflüge und zwölf Arbeiter – schon im April. Zum Vergleich: 1936 und 1937 schaufelten 350 Mann 70 Tage lang, um die Straße einspurig zu räumen und von 250.000 Kubikmeter Schnee zu befreien. Der Zeitpunkt des "Durchstichs" ist für die Region von großer Bedeutung, entsprechend findet das Ganze seinen Widerhall in den Medien und auf Facebook.

Eine Österreich-Radrundfahrt ohne Glockner ist undenkbar. Auch 2016 führte die 4. Etappe der Tour über die Hochalpenstraße, mit Bergankunft erstmals auf der Edelweißspitze. Sogar der Giro d'Italia hatte zuletzt 2011 das Etappenziel am Glocknerhaus. Der Glocknerkönig ist ein Radrennen für jedermann auf der anspruchsvollen Strecke zwischen Bruck und Fuschertörl, welche für motorisierte Fahrzeuge an diesem Tag gesperrt ist. Das Ereignis findet jeden ersten Sonntag im Juni statt, die Siegerzeit heuer: 1:18.12,4 – aufgestellt von Johannes Berndl (bzw. 54.36 ab der Mautstelle Ferleiten – von Thomas Brengartner).

Entlang der Glocknerstraße finden immer wieder Ausstellungen ihre Besucher, aus Anlass des 200jährigen Salzburg-Jubiläums etwa zum Thema Alpinismus an der Hochalpenstraße, unter dem Motto: "Die höchsten Salzburger". Ein jährlicher Fixpunkt ist auch die Glocknerwallfahrt (meistens Ende Juni), wo Gläubige aus dem Raurisertal über die Hochalpenstraße bis Heiligenblut pilgern.

Quellen: GROHAG, Wikipedia, Salzburgwiki;

Fotos: GROHAG, Leo Hölzl, Franz Hölzl, Johannes Hölzl, Fabian Katsch

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